Kommunales Flüchtlingsroulette an der Nierberdingstraße

Die Phrase vom besorgten Bürger ist im Kontext der Flüchtlingspolitik längst zu einem geflügelten Wort geworden. Besorgte Bürger findet man montags in der Dresdener Innenstadt, besorgte Bürger formieren sich gegen geplante Flüchtlingsunterkünfte in ihrer Nachbarschaft, oder sie lassen ihrem Unmut im Schatten der Wahlkabine freien Lauf, wenn sie ihr Kreuzchen bei den Parteien setzten, die sich selbst für eine Alternative in Deutschland halten.

Sind wir jetzt auch besorgte Bürger, fragt jemand spöttisch, als wir mit mulmigen Gefühl zu einer kleinen Feier in einer Flüchtlingsunterkunft schleichen. Diese Feier am 10.07. wurde ausgerichtet von den Erziehern einer offenen Kindergruppe, die sich von ihren Schützlingen und deren Eltern verabschieden wollten. Besorgt sind wir schon und ein wenig traurig obendrein, allerdings nicht, weil Flüchtlinge kommen, sondern weil welche gehen sollen.

Vor fast vier Jahren, genauer gesagt gegen Ende 2014 wurde auf dem ehemaligen Telekom Gelände an der Nieberingstraße 31b eine Containerunterkunft für geplante 50 allein reisende Männer eröffnet. Ziemlich genau zwei Jahre später wurde eine städtische Unterkunft für geflüchtete Familien in der Nieberdingstraße 23 eröffnet. Die einziehenden Familien waren zuvor in bundeseigenen Immobilien vorwiegend in Gremmendorf, Angelmodde und Lütkenbeck untergebracht, wo sie zum Teil sehr gut in bestehende Nachbarschaften integriert gewesen sind. Grund für den Umzug waren Pläne der Bundesanstalt für Immobilien Angelegenheiten, welche die weitere Verwertung der ehemaligen Engländer Häuser auf dem allgemeinen Immobilienmarkt vorsahen.

Obwohl die Anwohnerschaft, wie schon beim Bau der ersten Flüchtlingsunterkunft, über die Bauabsichten der Stadt Münster zunächst eher zufällig aus der Presse informiert wurde, fand im Dezember 2016 ein spontan organisiertes Willkommensfest für die neu angesiedelten Nachbarn statt. Viele Kinderfreundschaften, ein gemeinsam erlebtes Straßenfest, sowie gut 18 Monate der gemeinsamen Nutzung des Lebensraums Nieberdingstraße später erfährt man nun quasi durch Hörensagen von den Plänen der Kommunalverwaltung, die Unterkunft für Familien zu schließen.

In einem Zeitfenster, das von sofort bis zum Ende des Jahres reicht, müssen alle Familien das Haus Nr 23 verlassen, damit die allein reisenden Männer aus den Containerwohneinheiten mit der Hausnummer 31b in die freigewordenen Sammelunterkunft umziehen können. Nach erfolgtem Umzug aller Familien und der alleinstehenden Männer soll die Containerunterkunft endgültig geschlossen und zurück gebaut werden.

So weit so gut, mag man bis hierhin meinen. Die Männer aus den inzwischen reichlich heruntergekommen Containerwohnungen erhalten eine bessere Bleibe und die Flüchtlingsfamilien können ihre nicht ganz 30 m2 im Flüchtlingsheim gegen eine größere Bleibe auf dem freien Wohnungsmarkt tauschen. Sicherlich erhalten Flüchtlingsfamilien mit Bleibeperspektive mitunter auch solche Angebote von der kommunalen Wohnungsverwaltung, doch sind diese Angebote keineswegs exklusiv, denn die Familien müssen beim privaten Wohnungsanbieter mit finanzstärkeren Bewerbern ohne Migrationshintergrund konkurrieren. Somit bleibt mit Blick auf die angespannte Situation auf dem münsterschen Wohnungsmarkt zu befürchten, dass ein Gros der Familien auf Flüchtlingsunterkünfte im gesamten Stadtgebiet verteilt und dort bleiben wird.

Für die betroffenen Familien ist im Umzug von Flüchtlingsunterkunft A nach B der bürokratische Aufwand, neue Kita oder Schulplätze für den Nachwuchs suchen zu müssen, fast schon im Umzugstress inklusive. Als außenstehende, leicht besorgte Anwohner fragt man sich, wie hoch die Erwartungshaltung städtischer Entscheidungsträger an die Integrationsfähigkeit von Migranten denn noch sein mag, wenn etwa ein dreijähriger Aufenthalt in der lebenswertesten Stadt mit der Eingewöhnung in die bald schon dritte Nachbarschaft einhergeht. Zu Risiken und Nebenwirkungen dieses Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiels städtischer Integrationsbemühungen fragen Sie ihren Integrationsbeauftragten, oder gleich die Geflüchteten von nebenan!

Autor*in
Sarah Gee (Posting), Norbert Fiedler & Martin Kramer (Autoren)

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