Erklärung zur Iranischen Revolution, zum menschlichen Leben, zum Schweigen und zur gemeinsamen Verantwortung
Liebe Leute
Das Dasein und das Leben haben nicht mit uns begonnen und werden nicht ohne uns enden.
Der Tod wird eines Tages jeden Menschen erreichen;
entscheidend ist jedoch nicht der Zeitpunkt des Todes, sondern welche Wirkung unser Leben oder unser Tod auf die Entwicklung des menschlichen Zusammenlebens hinterlässt.
Die Geschichte ist der große Richter.
Und unsere Fingerabdrücke – durch Handeln oder durch Schweigen – bleiben auf ihr zurück.
Der Sieg der Islamischen Revolution im Iran am 11. Februar 1979 war nicht ausschließlich das Ergebnis innergesellschaftlicher Prozesse.
Er erfolgte im Kontext internationaler Absprachen, geopolitischer Interessen und stillschweigender Zustimmung maßgeblicher globaler Akteure.
Mit diesem Ereignis wurde die Monarchie der Pahlavi-Dynastie gestürzt –
doch die gesellschaftliche Revolution der iranischen Bevölkerung, getragen von Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und Selbstbestimmung, wurde rasch enteignet.
Was heute im Iran geschieht, ist weder eine vorübergehende Krise,
noch eine kurzfristige Unruhe,
noch lediglich das Resultat schlechter Regierungsführung.
Es ist die Fortsetzung einer unvollendeten sozialen Revolution.
Eine Revolution für „Frau – Leben – Freiheit“;
für die Überwindung von Machtstrukturen, die Geschlechtergleichheit systematisch negieren,
geschlechtsspezifische Apartheid rechtlich absichern
und soziale Unterdrückung reproduzieren;
für ein Leben ohne permanente Feindbilder, ohne Kriegspolitik
und ohne die allgegenwärtige existenzielle Unsicherheit,
die Millionen von Arbeiter:innen, Marginalisierten und sozial Schwachen
in Armut, Hoffnungslosigkeit und Abhängigkeit zwingt.
Es ist ein Kampf um die Rückgewinnung gesellschaftlicher Macht
aus den Händen jener, die sie sich angeeignet haben,
und um das Recht auf kollektive Selbstbestimmung
auf der Grundlage individueller Erkenntnis und gemeinsamer Rationalität –
damit der Iran als freies Land
in Gleichberechtigung, Nachbarschaft und friedlicher Koexistenz existieren kann.
Die Enteignung einer Revolution
Die breiten gesellschaftlichen Kämpfe der 1970er Jahre gegen die monarchische Diktatur führten zu einer umfassenden Volksbewegung.
Doch unter dem Einfluss globaler Machtinteressen
und aus Angst vor der Stärkung demokratischer und linker Kräfte
wurde der Verlauf dieser Revolution bewusst umgelenkt.
Während der Widerstand gegen die Diktatur noch andauerte,
zogen sich zentrale militärische, staatliche und administrative Institutionen zurück
und schlossen sich den islamistischen Kräften an.
So wurde die demokratische Revolution faktisch enteignet
und die islamische Herrschaft international anerkannt.
Seitdem haben sich zahlreiche gesellschaftliche Bewegungen formiert,
um die ursprünglichen Forderungen der antiautoritären Revolution erneut einzufordern – trotz brutaler Repression, massiver Gewalt und systematischer Unterdrückung.
Gewalt als Herrschaftsmechanismus
Diese Situation ist Teil eines bewussten, wiederkehrenden Musters:
die Produktion von Gewalt und Angst zur Aufrechterhaltung der Macht.
Massaker, politische Hinrichtungen, Krieg,
die Zerschlagung sozialer Bewegungen
sind über Jahrzehnte hinweg zu Instrumenten eines erschöpften Systems geworden.
Wann immer politische Blockaden und soziale Zerfallsprozesse sichtbar werden,
eskaliert die Repression.
Doch diese Tragödie ist nicht das Produkt einer einzelnen Regierung.
Schweigen als politisches Instrument
Globale Mächte, einflussreiche Staaten und internationale Institutionen
reagieren häufig mit diplomatischen Floskeln:
„tiefe Besorgnis“,
„Beobachtung der Lage“,
„Aufruf zur Zurückhaltung“.
Gleichzeitig:
- bleiben wirtschaftliche und politische Beziehungen bestehen
- werden Waffenexporte nicht konsequent gestoppt
- richten sich Sanktionen selten gegen die tatsächlichen Entscheidungsträger
- wird der Zugang der Bevölkerung zum Internet gekappt, während Repressionsapparate vernetzt bleiben
Dieses Schweigen ist weder zufällig noch neutral.
Es ist strukturiert, funktional und bewusst.
Es handelt sich nicht um Unwissenheit oder Ohnmacht,
sondern um eine moderne Form der Mittäterschaft.
Innergesellschaftliches Schweigen und selektive Solidarität
Schweigen existiert nicht nur auf der Ebene globaler Macht.
Auch innerhalb von Gesellschaften – im Iran wie außerhalb –
wirken aktive Formen des Schweigens:
- Gleichgültigkeit unter dem Vorwand der Neutralität
- das Warten auf „den endgültigen Sieger“
- nostalgische Verklärung vergangener Machtordnungen
- technokratische Distanz zum menschlichen Leid
Historische Erfahrung zeigt:
Autoritäre Systeme – religiös, monarchisch oder ideologisch –
stützen sich nicht allein auf Gewalt,
sondern auf gesellschaftliche Fragmentierung
und selektive moralische Empathie.
Wenn menschliches Leben verhandelbar wird,
überdauern Herrschaftssysteme –
und Gesellschaften zerfallen.
Die zentrale Frage
Die entscheidende Frage unserer Zeit lautet nicht,
ob Gewalt existiert.
Die eigentliche Frage ist:
Gibt es einen universellen, nicht verhandelbaren ethischen Maßstab,
der Grundlage echter internationaler Solidarität sein kann?
Die Antwort ist klar:
Ja.
Nicht als Schlagwort,
sondern als minimale gemeinsame ethische Norm:
die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens und die Würde des Lebens selbst.
Historische Verantwortung
Veränderung beginnt nicht mit Erlöserfiguren,
nicht mit offiziellen Erklärungen
und nicht mit folgenlosen Verurteilungen.
Sie beginnt mit einer individuellen ethischen Entscheidung:
sich nicht an der Rechtfertigung der Zerstörung menschlichen Lebens zu beteiligen –
weder im Namen von Sicherheit,
noch von Nation,
noch von Religion,
noch von Fortschritt.
Unser Leben und unser Tod bleiben nicht folgenlos.
Sie tragen entweder zur Fortsetzung von Gewalt bei
oder zur Weiterentwicklung menschlicher Zivilisation.
Die Geschichte wird urteilen.
Und unsere Spuren werden sichtbar bleiben.
Grüße euch
Jahan Shakibapour
vfpf
gmx.net ()
Schlussbemerkung
Diese Erklärung versteht sich nicht als Parteinahme für Machtinteressen,
sondern als uneingeschränkte Verteidigung menschlichen Lebens.
Denn die Würde des Lebens ist nicht verhandelbar –
nicht hier,
nicht anderswo,
und nicht für irgendwen.