Angela Summereder verbindet den historischen Text Melvilles mit der Gegenwart – Filmplädoyer von Alexander Scholz.
Die berühmte Formel von Bartleby, „I would prefer not to“, der Hauptfigur in Herman Melvilles Erzählung, ist eine Absage an die entfremdete Arbeit. Aus- gehend vom Dialog mit ihrem todkranken Ex-Partner, dessen nie verwirklichtes Lebensprojekt ein Film über Bartleby war, lässt Angela Summereder Teile der Geschichte performen: von Schauspielerinnen, Rappern, Jugendlichen, Obdachlosen. Ein Akt der selbstbestimmten Aneignung und ein persönliches Vermächtnis, das den historischen Text mit der Gegenwart verbindet.
Regie: Angela Summereder, Österreich 2025, 72 min., FSK o.Ang., Deutsche/Englische Originalversion mit englischen Untertiteln
Angela Summereder hat es also geschafft, Herman Melvilles Erzählung in einen äußerst lebendigen und pulsierenden Spielfilm zu verwandeln, einen Film, der in seiner Art praktisch einzigartig ist, in dem die wichtige Präsenz des Textes gut mit den Bildern harmoniert, in dem das Unpersönliche sofort persönlich wird, um dann sogar wichtige politische Konnotationen anzunehmen und aktueller denn je zu werden. Marina Pavido/Cinema-Austriaco.org
„Den Ausgangspunkt von Angela Summereders neuestem Film bildet Herman Melvilles berühmte, 1853 erschienene Erzählung Bartleby der Schreiber: Eine Geschichte aus der Wall Street. Ihr Protagonist ist ein Angestellter einer Anwaltskanzlei, dessen Aufgabe im repetitiven Kopieren von Schriftstücken besteht. Bartlebys notorisches „I would prefer not to“, mit dem er nach Auskunft des Anwalts, dem Ich-Erzähler, die ihm aufgetragene Arbeit mit höflich-unerbittlichem Stoizismus abbügelt, durchzieht Summereders essayistische Montage wie ein roter Faden:
So verbindet dieser zum einen Sequenzen aus Jean-Marie Straubs und Danièle Huillets Geschichtsunterricht (1972) mit anfangs bildlosen Voice-Over-Dialogen zwischen Benedikt Zulauf, der den jungen Mann in der Brecht-Adaption spielte und der Filmemacherin, die, wie sie erklärt, mit der Umsetzung von Bartleby einem lang gehegten Wunsch ihres vor Beginn der Produktion todkranken Ex-Partners nachkommt. Es sei die „doppelte Negation“ der Bartleby’schen Formel, die, wie Benedikt Zulauf bekennt, ihn durch sein Leben begleitet habe und welche die österreichische Regisseurin von diversen Performer:innen erproben lässt.
In deren sich programmatisch wiederholenden Sprech- und Gesangsübungen wird der rote Faden sodann weitergesponnen: Von einer Tourguide im Herman Melville Museum, welche seine Gattin Elizabeth Melville reenacted, sowie von Frauen und Männern unterschiedlichen Alters etwa im Wiener Volkskundemuseum und bei Ikea, von zwei jungen migrantischen Rappern im Tonstudio, schließlich von Schüler:innen in einer „come2gether“ genannten Einrichtung und von Bewohnern des VinziDorf, einer Wiener Obdachlosenunterkunft: Sie alle interpretieren die ihnen zugeteilten Textfragmente in mehr oder weniger improvisierten Mono-, Dia- oder Polylogen.
Insofern „Essay“ im Spanischen soviel wie „Probe“ bedeutet, erweist sich die filmische Form von B wie Bartleby als eine sicht- und hörbare Reflexion auf die Wechselbeziehung zwischen mimetischer Nacherzählung und performativer Aneignung eines literarischen Stoffs, den Summereders interaktive Verfahrensweise auf zugleich poetisch und politisch lesbare Weise aktualisiert.“ Sabeth Buchmann/Sixpackfilm