Lesekreis "Herrschaft-Totalität-Kritik":
Aus: Thein, Critical Theory zwischen Akademisierung und Politisierung – 10 Thesen
Die gegenwärtige Critical Theory präsentiert sich als akademisch etablierte, international vernetzte und öffentlich wirksame Theorierichtung, die ihren kritischen Anspruch zunehmend mit politischer Praxis, normativer Setzung und affektiver Mobilisierung verschränkt.
An die Stelle kategorialer Gesellschaftsanalyse tritt jedoch häufig eine politisierte Herrschaftskritik, die soziale Konflikte primär entlang dichotomer Machtverhältnisse interpretiert und sich rein affirmativ auf soziale Bewegungen, Gegengemeinschaften und radikaldemokratische Kampfbegriffe bezieht. Damit geraten sowohl die analytische Schärfe im Blick auf gesellschaftliche Vermittlungszusammenhänge als auch die reflexive Distanz der Theorie unter Druck. Besonders sichtbar wird dies in einer verkürzten Kapitalismuskritik, in der ökonomische Herrschaft moralisiert und personalisiert wird, sowie in der unzureichenden Differenzierung von Rassismus und Antisemitismus.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie sich gegenwärtige Theoriedynamiken und Paradigmenwechsel zwischen älteren und neueren Formen kritischer Theorie so aufeinander beziehen lassen, dass problematische Weichenstellungen kritisierbar werden, ohne in Nostalgie, Dogmatismus oder abstrakte Gegenüberstellungen von Theorie und Praxis zu verfallen.