»Ich habe da ein ganz mieses Gefühl …«
Digitalisierung, dieser Begriff charakterisiert Prozesse, durch die etwas mit uns geschieht, mit unseren Körpern, unserem Sein in der Welt. Wir wollen uns von den gegenwärtigen Phänomenen, die wir sehen, aber nur schwer begreifen, ein Bild machen. Es geht um Technik, aber wir versuchen keine Technikerklärung. Mit welchen Veränderungen sind die Subjekte durch die Phänomene und Effekte der Digitalisierung konfrontiert?
All das findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern in einer sich in ihren verheerenden Auswirkungen verschärfenden Weltsituation. Können wir darin eine Weise zu leben behaupten, jenseits von dem, was uns die Subjekte des weltumspannenden Kapitalismus mit ihren Lebens- und Beziehungsformen als alternativlos aufoktroyieren wollen?
Leben im Binärcode. Broschüre 64 Seiten. 5 €
Die Broschüre ist erhältlich auf Bestellungen an: exil
systemausfall.org | 5€ pro Stück, zzgl. Versand, Schlüssel gibts unter „Kontakt“ auf unserer homepage.
Nachdem wir hier schon unseren Text über Krieg und Digitalisierung veröffentlicht haben, teilen wir nun die Einleitung unserer Broschüre:
Dies sind Texte zur Digitalisierung. Wir schreiben darüber, weil wir tatsächlich glauben, dass sich durch die Prozesse, die mit dem Begriff Digitalisierung charakterisiert werden, etwas mit uns, unseren Körpern, unserem Sein in dieser Welt verändert. Wir wollen diesem Wort, welches als Containerbegriff einfach alles und nichts bedeuten kann, näher kommen, um uns von den gegenwärtigen Phänomenen, die wir sehen, aber nur schwer begreifen, ein Bild machen zu können. Es geht also um Technik, aber wir versuchen keine Technikerklärung. (Das, was wir für notwendig halten, taucht im Glossar auf.) Der Schwerpunkt unserer Auseinandersetzungen und damit unserer Texte liegt auf den Veränderungen, mit denen wir konfrontiert sind und die Auswirkungen bis tief in die Subjekte hinein haben. Aber all das ist nicht plötzlich vom Himmel gefallen, findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern inmitten eines sich verändernden, ja, sich in seinen verheerenden Auswirkungen verschärfenden Kapitalismus.
In diesem Kapitalismus hat es immer Technikkritik gegeben. Und zugleich gab es die Hoffnung oder auch den unverbrüchlichen Glauben, dass in Technik eine emanzipatorische Kraft oder zumindest Möglichkeit steckt. Diese Broschüre ist gegenüber beiden Ansätzen misstrauisch. Wir sehen die Gefahr, dass sie zusammengenommen auf folgende Position hinauslaufen: Man sollte Technik durchaus für eine linke Politik zum Einsatz bringen – da, wo es möglich ist. Aber man muss sich der Gefahren bzw. Risiken bewusst sein. Dass moderne Technik sehr wohl für emanzipatorische Bewegungen zum Einsatz gebracht werden konnte, sei ja in den Aufständen der 2010er Jahre klar geworden. Ohne Facebook wären die Bewegungen auf den Plätzen, die Mobilisierungen und neuen Organisationsformen nicht möglich gewesen. Mag sein, aber welche Rolle Facebook, Twitter, Insta und Tik-Tok beim Versiegen der Bewegungen gespielt haben, ist noch längst nicht geklärt. Ein emanzipatorisches Interesse wollen wir den Managern und Eigentümern der Plattformen nicht unterstellen. Und ob es genügt oder überhaupt gelingt, die Risiken der neuen Technologien zu durchschauen, sei erstmal dahingestellt. Wissen können wir aber, dass der bürgerlich-liberale Diskurs zur Digitalisierung das Abwägen von Chancen und Risiken zum Anfangs- und Endpunkt fast aller Diskurse macht und damit in der Falle steckt, die aus einer emanzipatorischen Perspektive aufgebrochen werden muss. Wir wollen verstehen.
Wir wollen verstehen, wie es denn passieren konnte, dass soziale Bewegungen dazu übergegangen sind, »Politik« für die sozialen Medien zu machen. Wollen verstehen, warum das Social-Media-Format auf einmal die politischen Aktionen normieren konnte. Wir haben das Gefühl, die Digitalisierung macht es uns unmöglich, auf diese Welt zuzugreifen und sie zu verändern. Hinter dem Bildschirm unseres immer präsenten Smartphones werden wir im wahrsten Sinne des Wortes abgeschirmt. Wie kommt es, dass unsere Wirkmächtigkeit sich auf Kommentare und unsere Bedeutung sich darauf reduziert, gesehen zu werden. Sind es nicht mehr die Mauern aus Stein, sondern ist es der Bildschirm, der uns einsperrt?
Hatten die Linken nicht auch einmal irgendwann McLuhan gelesen? Dass »the medium the message is« war doch irgendwie angekommen. Spätestens in dem Moment hätte der bürgerliche Medientheoretiker der 1960er Jahre eine Warnung sein müssen: »Denn jedes Medium hat die Macht, seine eigenen Postulate dem Ahnungslosen aufzuzwingen. Unsere übliche Antwort, mit der wir alle Medien abtun, nämlich, dass es darauf ankomme, wie wir sie verwenden, ist die befangene Haltung des technischen Dummkopfs.«
Wenn wir verstehen wollen, dann geht das nur, wenn wir den Chancen-Risiken-Diskurs verlassen, der immer wieder auch eine linke Technikkritik grundiert. Spätestens seit Rot-Grün 1998, mit der Erfindung des nationalen Ethikrates, dominiert er die Diskussionen über Technik. Dazu gehört auch, dass wir Sätze streichen wie: »Die Digitalisierung verändert den Kapitalismus grundlegend.« Weder der neue Kapitalismus noch die neuen Subjekte sind von der Digitalisierung produziert worden. An dieser Stelle sollten wir von Matteo Pasquinelli lernen. Er zeigt, wie technisch-soziale Prozesse eine Gesellschaft verändern und formen, bevor die Veränderungen selbst technisch sichtbar werden. Das Verhaltenssubjekt, das heute durch eine Vielzahl kleinster digitaler Häppchen geschult wird, hatte sich schon lange vorher der Behaviourist Skinner erträumt. Die Programme für dieses neue Subjekt wurden längst vor der Bereitstellung der geeigneten Apparate ausgedacht und erst einige Jahre später konnten sie mit der Erfindung des iPhones ihren Siegeszug antreten. Weitere 15 Jahre später ist es die KI, die nun zum Subjekt gesellschaftlicher Veränderungsprozesse gemacht wird. Genau das gilt es zu entlarven.
Warum also Texte zur Digitalisierung schreiben? Alle Welt schreibt über die Digitalisierung als Problem, als größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts etc., etc. Aber dieses Schreiben über die Digitalisierung, über neue Medien und über Künstliche Intelligenz ist ein Ablenkungsmanöver, ist ein Diskurs, der zutiefst diesen kapitalistischen Verhältnissen verhaftet bleibt. Als ChatGPT das Licht der Welt erblickte, waren es Musk, Zuckerberg, Altman und Co., die auf einmal ein Moratorium angesichts der Weiterentwicklung der KI forderten. Sie kritisieren ihre eigenen Produkte und schüren Angst vor ihnen, sodass der Mythos einer übermächtigen Technik omnipräsent wird. Man könnte es auch zugespitzt so formulieren: Alle Welt spricht über Digitalisierung, alle Welt spricht über KI, damit nicht über den Kapitalismus gesprochen werden muss. – Wir machen eine Broschüre über die Digitalisierung, weil wir nur so den Kapitalismus verstehen und angreifen können!