Der Vortrag von Dr. Anja Habersang (Hochschule Fulda) findet statt im Rahmen des Geographischen Kolloquiums "Geographien der Zerstörung: Urbizid - Genozid - Ökozid". Die Vortragenden werden u.a. die Frage diskutieren, wie und warum sie sich in unterschiedlichen Themengebieten und Kontexten auf die normativ-rechtlich geprägte "-zid"-Begrifflichkeit beziehen.
Indigene Aktivist*innen in Argentinien kritisieren Terrizid als Nexus von Ökozid, Genozid und Epistemizid und als Verbrechen gegen Menschheit und Natur. Der Begriff verbindet Ökosystemzerstörung, die physische und soziokulturelle Vernichtung sozialer Gruppen und Lebensweisen sowie die Marginalisierung relationaler Wissenssysteme als verflochtene Dimensionen sozial-ökologischer Gewalt. Auf Grundlage ethnografischer Forschung mit der Bewegung indigener Frauen für ein Buen Vivir/Gutes Leben erläutert der Vortrag den Ökozid-Genozid-Epistemizid Nexus. Die Aktivist*innen widersprechen dem Mensch-Natur-Dualismus und begreifen Menschen, Ökosysteme und mehr-als-menschliche Subjektivitäten als relational verflochten. Aus dieser Perspektive verweist Terrizid auf die Verflechtung von Umweltzerstörung, kolonialen Machtverhältnissen und dominanten Wissensordnungen als Ausdruck einer zivilisatorischen Krise der kapitalistischen Moderne. Diese sozial-ökologische Gewalt hat zugleich eine generationale Dimension: Die Zerstörung ökologischer Lebensgrundlagen, kultureller Kontinuitäten und epistemischer Ordnungen entzieht jungen und künftigen Generationen die Möglichkeit, lebenswerte Zukünfte zu gestalten. Junge Menschen mobilisieren den Begriff, um hegemoniale Naturverhältnisse und Wissensordnungen zu politisieren und zu transformieren. Daran anknüpfend wird Terrizid für eine Konzeptualisierung -zidaler Geographien als Begriff diskutiert, der Verständnisse von Ökozid und Natur dekolonisiert und die Verschränkung ökologischer, sozialer und generationaler Ungerechtigkeiten offenlegt.